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Lautlos mit dem Wind

Seit Jahrtausenden träumte der Mensch davon, sich in die Lüfte zu erheben und wie ein Adler zu fliegen, mit dem Wind mühelos dahinzugleiten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sollte es  ihm jedoch gelingen, eine Maschine zu konstruieren, mit der er schließlich fliegen konnte. Trotz der schnellen Entwicklung des Flugzeugbaus im vergangenen Jahrhundert hat das fliegen ohne  Motor als natürlichste Art des Fliegens seine Faszination nicht verloren. Aufgrund einer ausgewogenen Mischung aus ausgereiften Flugzeugkonstruktionen und instinktiver Geschicklichkeit des  Piloten ist der Mensch in der Lage, das Erlebnis des freien Fluges zu erfahren, das nur den Vögeln vorbehalten war. Unsichtbare Aufwinde werden genutzt, um Flughöhe zu gewinnen und mit  großer Geschwindigkeit über hunderte von Kilometern im Sinkflug dahinzusegeln. Alles in einem Flugzeug ohne Motor, angetrieben durch das Können des Piloten.

Welche Arten von Segelflugzeuge gibt es?

lsv_segelflug11Grundsätzlich gibt es Holzflugzeuge, welche ausschließlich aus Holz gebaut sind, Flugzeuge in gemischter Bauweise (z.B. Metallrahmen und Holzflächen) oder Kunststoffflugzeuge die aus modernen Glasfaser- oder Kohlefaserlaminaten aufgebaut sind. Je nach Auslegung gibt es einsitzige oder doppelsitzige Flugzeuge. Auch hier wird noch einmal unterschieden in Schulflugzeuge, Leistungsflugzeuge für den Streckenflug oder Kunstflugzeuge. Die meisten Flugzeuge sind allerdings für jedes dieser drei Aufgabenfelder gegeignet.

Schulflugzeuge:

Sie besitzen meist besonders gutmütige Flugeigenschaften, so wird es Neulingen ermöglicht, diese Flugzeugmuster relativ schnell zu beherrschen. Außerdem fliegen sie im Vergleich zu Leistungsflugzeugen oder Kunstflugzeugen sehr unkritisch und selbsthemmend, das heißt selbst bei kritischen Fluglagen bedingt durch Steuerfehler gleicht das Flugzeug diese nahezu von alleine wieder aus.

Kunstflugzeuge:

lsv_segelflug03Sie sind für nur einen einzigen Zweck gebaut: Schnell wieder runterkommen und dabei möglichst elegant die Höhe in Figuren umwandeln… Im Gegensatz zu anderen Segelflugzeugen haben sie meist sehr große Ruderflächen und symmetrische Profile (Ober- und Unterseite der Tragfläche sind dann nahezu gleich ausgeführt), damit fliegen sie auf dem Rücken fast genau so gut wie in Normalfluglage. Ebenso sind ihre Belastungsgrenzen weit höher als bei normalen Flugzeugen: So hält ein Kunstflugsegler z.B. das achtfache seines Eigengewichts beim Abfangen aus dem Sturzflug und das sechsfache des Eigengewichts beim Drücken (hier erfolgt die Belastung in die genau entgegengesetzte Richtung als beim Abfangen) aus. Normale Flugzeuge vertragen Belastungen wie beschrieben dagegen nur bis zum vierfachen bzw. zweifachen Eigengewicht.

Leistungsflugzeuge

Wie in der Formel 1 sind sie auf Höchstleistungen getrimmt. Ihre Gleitzahlen liegen mittlerweile bei bis zu 1:50 (das heißt: bei ruhiger Luft kann das Flugzeug aus einem Kilometer Höhe ohne äussere Einflüsse 50 km weit gleiten). Natürlich wirken sich die enormen aerodynamischen Leistungen auch auf das Flugverhalten aus. So sind Leistungsflugzeuge meist etwas schwerer zu beherrschen und sie verzeihen Steuerfehler weitaus weniger als Schulflugzeuge. Dazu kommt, dass Leistungsflugzeuge zusätzliche Steuerflächen und andere Extras besitzen wie z.B. Wölbklappen um das Profil verändern zu können und oder Wassertanks in den Tragflächen um die Flächenbelastung zu variieren. Dies sind Hilfsmittel, aber deren Bedienung auch gleichzeitig eine zusätzliche Herausforderung für den Piloten.

Wie kommen wir in die Luft?

Um ein Segelflugzeug fliegen zu lassen benötigt es eine gewisse Anfangshöhe. Diese kann zum Beispiel durch einen Windenstart, einen Flugzeugschlepp oder bei Segelflugzeugen mit Hilfsmotor durch einen Eigenstart aufgebracht werden. Doch wie sieht das genau aus?

Der Windenstart:

lsv_segelflug23Das Flugzeug wird mit einer Startwinde auf Höhe gebracht. Diese ist mit einem starken Benzin- oder Dieselmotor ausgestattet und hat eine oder mehrere Seiltrommeln. Nachdem das 5 mm dicke Stahlseil über den Flugplatz ausgezogen wurde klinkt ein Starthelfer das Seil in die Kupplung des Flugzeuges ein. Danach nimmt er eine Tragfläche in die Hand und hält das Flugzeug gerade damit sich beim Anschleppen keine Tragfläche auf den Boden ablegt und dort womöglich irgendwo hängen bleibt. Nun zieht der Windenfahrer das Seil vorsichtig an damit es sich strafft. Ist das Seil straff gibt er Vollgas und beschleunigt das Segelflugzeug innerhalb von 2-3 Sekunden auf ca. 100 km/h. Durch „dranhängen“ bekommt der Pilot die gewünschte Ausklinkhöhe: der Pilot zieht dabei kräftig am Steuerknüppel um nicht einfach nur mit Vollgas quer über die Wiese gezogen zu werden, sondern dabei möglichst viel Höhe zu gewinnen . Im letzten Drittel des Schlepps nimmt der Windenfahrer das Gas immer mehr zurück, der Pilot zieht entsprechend weniger stark am Knüppel und schließlich fällt das Seil automatisch aus der Kupplung des Segelflugzeugs, die Suche nach der Thermik kann beginnen.

Der Flugzeugschlepp (F-Schlepp):

lsv_segelflug04Beim F-Schlepp benötigt man anstatt der Startwinde ein genügend Leistungsfähiges Flugzeug welches mit einer Schleppkupplung ausgestattet ist. Das F-Schleppseil besteht aus Nylon- oder Hanffasern und ist ca. 60 m lang um einen ausreichend großen Abstand zum Schleppflugzeug zu erhalten. Das Seil wird beim Schleppflugzeug und beim Segelflugzeug eingeklinkt und sobald beide Piloten startklar sind, strafft der Schlepppilot durch anrollen das Seil. Ist das Seil straff, gibt auch er Vollgas und startet ganz „normal“. Beim Anrollen muss ein Starthelfer an der Tragfläche laufen damit diese nicht auf den Boden fällt, da beim Anrollen bedingt durch die niederige Geschwindigkeit nur eine sehr geringe Ruderwirkung vorhanden ist. Da das Segelflugzeug schon bei einer geringeren Geschwindigkeit abhebt als das Motorflugzeug, muss der Segelflieger in ca. einem Meter über dem Boden hinter der Schleppmaschine herfliegen, bis sie abhebt. Der F-Schlepp ist relativ ruhig und somit eine sehr angenehme Startart z.B. für Gastflüge. Außerdem kann der F-Schlepp auf viel höhere Ausklinkhöhen fortgesetzt werden. Somit sind auch Kunstflüge direkt nach
dem ausklinken z.B. in 1300 m möglich. Klinkt der Pilot des Segelflugzeuges aus, muss er immer nach rechts ausweichen, das Schleppflugzeug dreht nach links unten weg. So ist sichergestellt, dass das Segelflugzeug vom frei hinter der Schleppmaschine flatternden Ende des gerade ausgeklinkten Schleppseils nicht getroffen werden kann.

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Wie bleiben wir oben?

lsv_segelflug12Um auch ohne Motor lange Zeit in der Luft zu bleiben benötigt der Segelflieger so genannte Aufwinde. Man unterscheidet Aufwinde, welche sich durch Wärme bilden und solche die sich durch Umlenkung von Luft entwickeln:

Thermik

Diese bildet sich wenn ein Luftpaket am Boden aufgewärmt wird, wärmer ist als seine Umgebung und sich dann „ablöst“ und aufsteigt. Meistens erkennt man diese Aufwinde an den sogenannten „Cumulus-“ Wolken (Schönwetterwolken). Sieht ein Segelflieger diese Wolken, dann begibt er sich direkt unter sie und fängt an enge Kreise zu fliegen um den Aufwind oder, wie man sagt, die „Thermik“, die er dort findet, auszunutzen. Es sind teilweise Steigwerte von über 5 Metern in der Sekunde möglich und auch vom Boden aus erkennt man sehr gut wie schnell das Flugzeug steigt.
Sind keine Wolken am Himmel spricht man von „Blauthermik“ da der Himmel komplett blau ist. In diesem Fall ist die Thermiksuche etwas schwieriger, da man nicht einfach unter eine Wolke fliegen kann sondern sich am Boden orientieren muss wo sich heiße Luft bilden und ablösen könnte. Vögel sind auch eine gute Hilfe beim Aufsuchen von Thermik, da diese auch die Aufwinde ausnutzen um möglichst „energiesparend“ zu fliegen. Ihr Gespür für die Thermik ist unwahrscheinlich sensibel und damit sind sie sehr zuverlässige Helfer im Segelflug.

Hangaufwind:

Fliegt man an einem Hang oder an einem Berg entlang gibt es eine weitere Form des Aufwinds: den sogenannten Hangaufwind. Er entsteht dadurch, dass die Luft welche vom Wind auf den Hang zugeschoben wird nach oben steigen muss um das Hindernis zu „überwinden“. Somit ist auf der Windseite des Hangs (der Luvseite) ein Aufwind vorhanden, dessen Stärke von der Windstärke und von der Steigung des Hangs oder Bergs abhängt. Hangaufwind ist einfacher auszunutzen als Wolken- oder Blauthermik, da die Aufwindbereiche sehr groß sind. Der Segelflieger fliegt am Hang entlang um aufzusteigen und muss keine Kreise fliegen. Es wird nach längeren Stücken wieder „gewendet“ um immer und immer wieder den selben Aufwind auszunutzen.

Was ist, wenn der Wind aufhört?

lsv_segelflug15Wenn es einmal vorkommen sollte, dass die Thermik für den Flugtag „zu Ende“ ist und man immer noch zu weit vom Flugplatz entfernt ist, um dort landen zu können, muss dort gelandet werden, wo man gerade ist. Das ist nichts Schlimmes, da es sich beim Flugplatz im Grunde genommen auch nur um eine Wiese handelt, und die gibt es ja schließlich überall. Deshalb sucht man sich ein schönes Feld (da sich auf diesen meistens keine Zäune, die sehr schlecht zu erkennen sind, befinden) und landet dort. Dann wird das Flugzeug einfach dort mit einem Anhänger abgeholt und am Flugplatz wieder aufgebaut.

Wie steuert man ein Segelflugzeug?

Die Steuerung funktioniert genauso wie bei jedem anderen Flugzeugtyp: Die Querneigung wird dabei mit dem Querruder gesteuert: Der Pilot bewegt den Steuerknüppel nach links oder rechts und bewirkt damit, das kleine Steuerflächen an der Hinterkante der Tragflügel sich nach oben oder unten bewegen. Mit dem Knüppel steuert man auch das Höhenruder, eine waagerechte Steuerfläche am hinteren Flugzeugende. Der Knüppel wird gedrückt wird um die Flugzeugnase zu senken bzw. gezogen wird um die Nase zu heben. Gleichzeitig ist es beim Segelflugzeug von großer Bedeutung, dass durch drücken des Steuerknüppels eine Geschwindigkeitszunahme und durch ziehen eine Geschwindigkeitsabnahme erfolgt. Um die Flugzeugnase nach links oder nach rechts zu bewegen ist
das Seitenruder erforderlich, eine senkrecht angebrachte Steuerfläche hinten am Flugzeug, die nach rechts oder links ausschlägt wenn der Pilot mit den Füßen die Seitenruderpedale betätigt.
Allein um eine saubere Kurve zu fliegen macht der Segelflugzeugpilot aber mehrere Steuerbewegungen gleichzeitig: Querruder und Seitenruder werden dafür immer gleichmäßig und gleichsinnig betätigt. Darüber hinaus sind ständig Steuerbewegungen notwendig, um Winde oder Luftturbulenzen auszugleichen oder manchmal auch anderen Luftfahrzeugen auszuweichen.

Wie wird man Pilot?

Vorraussetztungen:
  • Mindestalter von 14 Jahren, mit Sondergenehmigung schon ab 13 Jahren
  • Flugmedizinische Tauglichkeit (wird durch Fliegerarzt bescheinigt)
Wie läuft die Ausbildung ab?

lsv_segelflug14Die Ausbildung ist in drei Phasen aufgeteilt: In der ersten Phase fliegt der Flugschüler immer mit einem Fluglehrer und lernt so, das Flugzeug richtig und vor allem sicher zu fliegen. In der zweiten Phase, die mit dem ersten Alleinflug beginnt, bleibt der Fluglehrer am Boden und der Flugschüler absolviert seine Flüge größtenteils allein. In dieser Phase schult er besonders seinen Thermikflug.
In der dritten und letzten Phase wird der Flugschüler dann explizit auf die Prüfung vorbereitet. Diese Phase endet mit einem Überlandflug von mindestens 50 km.
Begleitend zu der praktischen Flugausbildung wird auch der Theorieunterricht absolviert (mit Schwerpunkt in denWintermonaten). Dieser umfasst die Themen:

  • Luftrecht
  • Navigation
  • Meteorologie
  • Aerodynamik
  • Technik
  • MenschlichesLeistungsvermögen
  • Verhalten in besonderen Fällen
Wie geht es nach dem Flugschein weiter?

Es gibt eine lange Reihe von Möglichkeiten und es können auch neue Berechtigungen erworben werden. Eine kleine Auswahl:

  • Kunstflug
  • Motorsegler
  • Gebirgsflug
  • Überlandflug
  • Teilnahme an Wettbewerben…

Segelfliegen im Verein

lsv_segelflug07Segelfliegen = Teamsport
Wer mit dem Segelfliegen anfängt merkt ziemlich schnell, dass ohne Teamfähigkeit nichts geht. Denn Alleine kommt niemand in die Luft. Es braucht immer Startleiter, Windenfahrer, Starthelfer,
„Lepo“-fahrer und natürlich Leute die fliegen. Vertrauen in die Mitflieger ist sehr wichtig denn man muss sich 100%ig aufeinander Verlassen können. Nur als eingespieltes Team funktioniert der Segelflug reibungslos. So ist auch der Zusammenhalt in unserer Jugendgruppe sehr groß. Zudem macht so ein Tag auf dem Flugplatz eine Menge Spaß und auch für unsere Partys sind wir Segelflieger bekannt.

 

Jugendgruppe beim LSV Eschendorf

lsv_segelflug13Die meisten (angehenden) Piloten bei uns im Verein sind Jugendlich, zwischen 13 und 20 Jahren. Unsere Segelfluggruppe hat zur Zeit ca. 40 aktive Mitglieder. Bei uns im Verein ist aber nicht nur das Fliegen wichtig, der Zusammenhalt und gemeinsame Aktionen sind uns sehr wichtig. So wird bespielsweise nach jedem Flugtag, nach dem wir den ganzen Tag zusammen geflogen und gearbeitet haben, noch gemütlich zusammen eine Cola oder ein Bierchen getrunken und meistens wird dabei auch noch gegrillt. Aber wir veranstalten auch zusammen sogenannte Fluglager, in
denen wir über eine oder zwei Wochen ein Lager auf anderen Flugplätzen veranstalten. Wir haben auch schon öfter eine Kanutour unternohmen, haben zum Beispiel die Segelflugzeugwerke Alexander Schleicher besucht und jedes Jahr fahren mehrere Jugendliche zum FlyandJob, einer Berufsinformationsveranstaltung nur für Segelflieger.

Wie teuer ist Segelfliegen eigentlich?

Das Segelfliegen wird völlig zu Unrecht oft als sündhaft teures Hobby abgestempelt. Die nachfolgende Aufstellung soll beispielshaft einmal zeigen, wie teuer ein Jahr Segelfliegen letztendlich wirklich ist.

Aufnahmebeitrag: 200 EUR ermäßigt /400 EUR normal

Jahresbeitrag: 250 EUR ermäßigt / 500 EUR normal

Flugpauschale: 210 EUR

Windenpauschale: 20 EUR

Windenstart: ca. 50 x 1,80 EUR

Schleppminute: nach Bedarf 2,40 EUR

Gesamt:

Im ersten Jahr: 770 EUR ermäßigt / 1220 EUR normal (Plus F-Schlepps)

In jedem weiteren Jahr: 570 EUR  ermäßigt / 820 EUR normal (Plus F-Schlepps)

Ermäßigt bedeutet: Schüler, Studenten, Bufdis

Wann fliegen wir?

Bei „fliegbarem Wetter“ wird bei uns immer Samstags ab 14:00 Uhr und Sonntags ab 09:30 Uhr geflogen. Ende des Flugtages ist dann 19:00 Uhr, wenn der Flugplatz schließt. Bei sehr gutem Wetter treffen wir uns aber auch Samstags schon eher oder wir fliegen auch unter der Woche.

 

Text und Fotos von Steffen Hölscher, Sven Veismann, Andrea Höltken

 

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